Wo Armut, Hunger und Gewalt den Alltag bestimmen, flüchten viele Mädchen und Jungen in die Großstädte dieser Welt. Oft endet ihr Weg auf der Straße, wo ihre Hoffnungen auf ein besseres Leben jäh enttäuscht werden. Die Kindernothilfe bietet diesen Kindern eine Perspektive. Dafür ist sie auf Geldauflagen und Spenden angewiesen.

In Dire Dawa, einer Großstadt im Osten Äthiopiens, fanden die Mitarbeiter der Kindernothilfe-Partnerorganisation die 9-jährige Kaido. Das Mädchen lag einfach im Dreck am Straßenrand. Hungrig, schmutzig, den Kopf schlimm entzündet. Die Sozialarbeiter brachten sie in ein Schutzzentrum. Dort bekam sie erstmals ein eigenes Bett und ein Fach für eine Seife und Kleider. Und Kaido durfte duschen. Wenn sie heute davon erzählt, erhellt ein Lächeln ihr ernstes Gesicht. „Das Gefühl des Wassers auf meinem Körper war großartig.“ Das Mädchen war mit seiner Mutter Truye und den zwei kleineren Geschwistern in die Stadt gekommen, auf der Flucht vor dem gewalttätigen Vater. Doch es gab keine Arbeit für die Mutter. Niemand half Kaido und ihrer Familie, außer der Marktfrau, die sie vor ihrem Laden auf dem nackten Beton schlafen ließ, zwischen Getreidesäcken und dem Trog, in dem sie tagsüber Butter machte.

ENDSTATION STRASSE

Kaidos Schicksal ist kein Einzelfall, sondern Realität für viele Kinder, die auf der Straße leben. Überall auf der Welt. Ihr Leben dreht sich um Hunger, Betteln und die Angst vor Gewalt. Von der Polizei werden sie vertrieben, Passanten lassen ihren Frust an ihnen aus und für Kriminelle sind sie leichte Opfer.

Die Kinder schlafen in Hauseingängen, unter Brücken oder einfach am Straßenrand. Die Angst vor Überfällen begleitet sie jede Nacht. Denn wen stört es schon, wenn ihnen etwas passiert? Geraten sie in die Hände von Kinderhändlern, werden sie häufig als Haushaltshilfen versklavt oder landen in Bordellen – ohne Aussicht auf Entkommen. Um ihre hoffnungslose Lage und den Hunger für einen Moment zu vergessen, betäuben sich viele mit dem Schnüffeln von Klebstoff. Kleber ist die billigste Droge, die es auf der Straße gibt, und sie ist extrem schädlich für Lungen und Gehirn. Nicht nur deshalb sind viele der Kinder in einem erbärmlichen Gesundheitszustand.

GEBORGEN IM SCHUTZZENTRUM

Die Kindernothilfe hat es sich zur Aufgabe gemacht, Jungen und Mädchen vor einem Leben und den Gefahren auf der Straße zu schützen. Streetworker wenden sich den Kindern zu. Geduldig bauen sie Vertrauen auf und wenn die Kinder bereit sind, die Straße zu verlassen, bekommen sie in Wohnheimen einen sicheren Schlafplatz, regelmäßige Mahlzeiten und eine medizinische Versorgung. Sie haben die Möglichkeit, sich zu waschen und zur Schule zu gehen. Psychologen helfen traumatisierten Kindern, das Erlebte zu verarbeiten, denn Missbrauchs- und Gewalterfahrungen hinterlassen nicht nur körperliche, sondern auch tiefe seelische Wunden. Viele Kinder erfahren hier das erste Mal liebevolle Fürsorge und Geborgenheit. Oberstes Ziel der Arbeit ist immer die Rückkehr der Kinder in ihre Familien. Dazu führen die Mitarbeiter Gespräche mit den Eltern. Ist die Rückkehr nicht möglich, weil die Kinder in der Familie Gewalt erfahren haben, werden Alternativen erarbeitet. Beispielsweise längerfristige Wohnprojekte, die den Jungen und Mädchen die Chance auf ein eigenständiges Leben abseits der Straße geben.

KAIDO KEHRTE ZU IHRER MUTTERZURÜCK

Kaido konnte zu ihrer Mutter Truyeund den Geschwistern zurückkehren, denn die Mutter lebte dank der Kindernothilfe ebenfalls nicht mehr auf der Straße. Sie hatte ein kleines finanzielles Startkapital von der Hilfsorganisation bekommen und konnte damit Gemüse kaufen – Tomaten in großen Kisten. Heute ist sie Marktfrau und hat ein bescheidenes Auskommen. Der Verdienst ist nicht groß, aber es reicht für ein gemeinsames Zuhause. Kaido, die heute 13 Jahre alt ist, und ihre Schwester Lesame (12) können die Schule besuchen. „Niemand“, sagt Kaido, „nimmt dir, was du gelernt hast.“ Und sie hat genug gelernt, um einmal ihr eigenes Geld zu verdienen.

„Ich liebe es, dass wir den Kindern hier Hoffnung und den Glauben an ein Leben fern der Straße zurückgeben können.“

Askal ist Hausmutter in einem der Schutzhäuser für Straßenmädchen in Äthiopien

 

–  Kindernothilfe e. V.