Hunger, häusliche Gewalt, Missbrauch, eine drohende Frühverheiratung. Es gibt viele Gründe, warum Kinder in Bangalore von zu Hause fortlaufen – und dann in Not geraten. Viele stranden am Busbahnhof der Stadt und landen in der Prostitution. Schutz, Zuwendung und Hilfe bietet eine Partnerorganisation der Kindernothilfe.

Die Geschichte von dem 15-jährigen Mädchen Regeshwari* ist eine von vielen in Bangalore im Süden Indiens Mit 13 Jahren wird sie mit ihrem Onkel verheiratet, einem Trinker und Schläger Es kommt zu einer Fehlgeburt Mit 14 Jahren läuft Regeshwari fort, setzt sich in einen Bus und landet in Bangalore Zum Glück werden Sozialarbeiter der Organisation Jagruthi, eine Partnerorganisation der Kindernothilfe, auf sie aufmerksam Sie sprechen das Mädchen an, das verloren an einem der gefährlichsten Plätze Bangalores herumsteht, dem Busbahnhof. Hier landen Kinder in der Prostitution, noch bevor der nächste Bus kommt.

Oder Akkila*: Sie lebt mit ihrer Mutter in einem Slum der 8-Millionenstadt, als sie mit 14 Jahren einen jungen Mann kennenlernt, schwanger wird und verheiratet wird. Von einem Tag auf den anderen ist ihre Kindheit zu Ende Sie geht nicht mehr zur Schule, wird wieder schwanger Die Mitarbeiter von Jagruthi versuchen, auch Akkila dabei zu helfen, den Teufelskreis zu durchbrechen und die inzwischen 16-Jährige dazu zu bewegen, doch noch eine Ausbildung zu machen.

ARMUT UND HUNGER SIND DAS GRÖßTE RISIKO

Die Geschichten der gestrandeten Kinder sind immer ähnlich Sie sind 13, 14 oder 15, der Vater oft verschwunden, die alleinerziehende Mutter arbeitet – als was, ist oft unklar Die Umgebung ist geprägt von Armut, Verzweiflung, Drogen, Gewalt, Kriminalität und Prostitution Kinderrechte sind weitgehend unbekannt, die Kinder müssen sich vielmehr irgendwie durchschlagen.

Viele hoffen in Bangalore, dem „indischen Silicon Valley“, auf eine bessere Zukunft Doch vom wirtschaftlichen Aufschwung profitieren nur wenige – und die Straßenkinder ganz bestimmt nicht Sie landen oftmals am Busbahnhof und auf dem benachbarten Gemüsemarkt. Hier gibt es nicht nur Obst, Gemüse und Mobiltelefone zu kaufen, sondern auch Sex. Minderjährige, die dort oft aus Hunger und Einsamkeit herumstehen, enden schnell in der Prostitution.

Hier setzt Jagruthi, die Partnerorganisation der Kindernothilfe, an Sozialarbeiter sprechen die Kinder an und bieten Hilfe und Zuwendung: Essen, Bildung, einen Arzt Die Schicksale derjenigen, die sie von der Straße holen, sind ihnen vertraut: verarmt und hungernd, sexuell missbraucht und oft HIV-infiziert, vielfach selbst Kinder von Prostituierten „Diese Kinder müssen wir schützen, denn sie können hier nicht allein leben“, sagte Renu Appachu. Sie hat Jagruthi 1995 gegründet und ist bis heute Direktorin der Organisation.

Wenn die Kinder Glück haben, finden sie bei Renu Appachu und ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein neues Zuhause Die Organisation betreibt – mit Unterstützung der Kindernothilfe – eine Schule, zwei Tagesstätten, zwei medizinische Stationen und zwei Schutzhäuser 500 Kinder werden so ganz unmittelbar geschützt, medizinisch und psychologisch betreut In Gesprächen werden ihnen Wege aufgezeigt, wie sie aus dem Teufelskreis herauskommen und das Milieu verlassen können.

GEMEINSAM PERSPEKTIVEN ENTWICKELN

So wie Kutani* Die heute 18-Jährige stand kurz vor der Frühverheiratung Ihre Mutter hat sie vor zwei Jahren im Stich gelassen, die Verwandten wollten eine Ehe arrangieren. Die Jugendliche fand zu Jagruthi, deren Mitarbeiter die Familie schließlich überzeugte, von der Hochzeit abzusehen. Für Kutani ein großes Glück: Die wortgewandte und selbstbewusste junge Frau ging wieder zur Schule, machte ihren Abschluss. Heute studiert sie und will Polizeioffizierin werden „Damit Männer sich vor mir fürchten“, sagt sie und lacht dabei.

 

Kindernothilfe