Wegen der Corona-Pandemie und der damit einhergehenden Beschränkungen wird mit einem Anstieg der häuslichen Gewalt gerechnet. Mit einer Kampagne unterstützt der WEISSE RING betroffene Frauen und ermutigt sie, an die Öffentlichkeit zu gehen, wie Bianca Biwer, die Geschäftsführerin des WEISSEN RINGS, im Gespräch erklärt.

Warum startet der WEISSE RING gerade jetzt eine Kampagne gegen häusliche Gewalt?

Häusliche Gewalt ist ein enormes gesellschaftliches Problem, von dem überwiegend Frauen betroffen sind. Jede dritte Frau hat schon einmal Gewalt erfahren. Laut Kriminalstatistik gibt es in Deutschland jedes Jahr 140.000 Fälle, aber die Dunkelziffer ist riesig. Wir gehen davon aus, dass höchstens jede fünfte Tat bei der Polizei angezeigt wird. Schon allein diese Zahlen begründen eine Kampagne.

Jetzt in der Corona-Zeit dürfte sich das Problem allerdings noch zuspitzen.

Genau. Unsere Opferhelfer wissen aus jahrzehntelanger Erfahrung, dass bestimmte Faktoren häusliche Gewalt sehr begünstigen. Dies ist der Fall, wenn Familien mit ihren Kindern wie derzeit längere Zeit auf engem Raum permanent zusammen sind. Dann kommt die Angst vor dem Jobverlust oder vor der finanziellen Zukunft hinzu. Diese geballten Stressfaktoren führen zu einer steigenden Aggressivität der Täter.

Wie sieht die Kampagne denn konkret aus?

Wir haben eine Reihe prominenter Frauen gewinnen können, die ihre Stimme gegen häusliche Gewalt erheben. Im Fernsehen, in sozialen Medien und auf Plakatwänden weisen sie auf das Problem hin und machen auf das kostenlose Opfer-Telefon des WEISSEN RINGS unter der Nummer 116 006 aufmerksam. Denn grundsätzlich gilt: Wer über Informationen zu Beratungsmöglichkeiten verfügt, kann diese schneller nutzen.

Was sollte man tun, wenn man das Gefühl hat, eine Person im Bekanntenkreis ist von häuslicher Gewalt betroffen?

Suchen Sie vorsichtig das Gespräch, bieten Sie Hilfe an und machen Sie auf Beratungsangebote, zum Beispiel die des WEISSEN RINGS, aufmerksam. In akuten Gewaltsituationen sollte man als Nachbar sofort die Polizei rufen.

Entwickelt sich Gewalt immer gleich?

Nein, aber es gibt Muster. Eine Gewaltspirale entwickelt sich langsam. Sie beginnt stets mit psychischer Gewalt. Irgendwann kommt es zum ersten Mal zu einem tätlichen Übergriff. Danach folgt der wiederkehrende Kreislauf aus Reue, Versöhnung und neue Zuwendung. Sehr viele Frauen brauchen erfahrungsgemäß sehr lange, bis sie bereit sind, eine solche Beziehung zu verlassen. Viele Opfer empfinden Scham für das, was ihnen zugefügt wurde. Doch eins ist ganz wichtig: Opfer häuslicher Gewalt sind niemals schuld an den Verbrechen. Das sind immer die Täter.

Was tut der WEISSE RING, um betroffenen Frauen zu helfen?

Wir helfen mit persönlicher Beratung in unseren Außenstellen, aber auch telefonisch und anonym in der Onlineberatung. Dabei geht es um menschliche Zuwendung, aber auch um konkrete Unterstützung. Unsere ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter begleiten Opfer zum Beispiel zur Polizei oder zu Gericht und vermitteln eine für sie kostenlose anwaltliche oder psychotraumatologische Erstberatung. All das kostet viel Geld. Geldauflagen helfen dem WEISSEN RING dabei, das zu finanzieren.

 

– WEISSER RING e. V.